Gesundheitswissen von A bis Z: Morbus Bechterew (Spondylitis ankylosans)

Physioline Blog Morbus Bechterew

Wenn die Wirbelsäule sich mehr und mehr versteift, werden kleine Aufgaben im Alltag zu einer echten Herausforderung. Doch selbst im fortgeschritten Krankheitsstadium von Morbus Bechterew kommen die meisten Patienten durch konsequente und angemessene physiotherapeutische Maßnahmen ohne fremde Hilfe aus. Unser Physioline-Team berät Sie in diesem Diagnosefall gerne ausführlich vor Ort. 

Definition:
Morbus Bechterew ist eine chronische, rheumatische, entzündliche Erkrankung mit Schmerzen und möglicher Versteifung der Wirbelsäulengelenke. Insbesondere sind die Lenden- und Brustwirbelsäule, die Kreuz- und Darmbeingelenke betroffen. Mitunter kann es zur Entzündung der Regenbogenhaut des Auges kommen und seltener auch anderer Organe. (Synonym: Spondylitis ankylosans)

Ätiologie:
Die Ursache für eine Erkrankung an Morbus Bechterew ist idiopathisch. Man weiß nur, dass es sich um eine Fehlsteuerung des Immunsystems handelt, welche zur Folge hat, dass sich der Körper auch gegen eigene Körperzellen richtet. Laut der heutigen Wissenschaft, sind es zwei Faktoren die zusammentreffen müssen: Die genetische Veranlagung des Patienten und eine Infektion, beispielsweise der Harn- und Verdauungswege. Viele betroffene Patienten tragen das Erbmerkmal „HLA-B27“. Möglicherweise kann auch eine psychische Komponente dazu beitragen.

Symptomatik:
Im Anfangsstadium sind die Beschwerden meist unspezifisch und werden daher oft fehl gedeutet.

Folgende Symptome sind für den Beginn des Morbus Bechterew charakteristisch (müssen aber nicht alle vorhanden sein):
– Morgensteifigkeit länger als 30 Minuten
– Zwischen rechts und links wechselnde Gesäßschmerzen, verbunden mit einer Bewegungseinschränkung in der Lendenwirbelsäule und Ausstrahlung in den Oberschenkel
– Besserung bei Bewegung und Verschlechterung bei Ruhe (bei den viel häufigeren, nicht entzündlichen Rückenleiden ist es umgekehrt)
– Andauern der Beschwerden mehr als 3 Monate
– Krankheitsbeginn vor dem 40. Lebensjahr (Beginn meist zwischen dem 15. und 35. Lebensjahr)
– Auftreten von Schmerzen und Steifigkeit vor allem morgens
– Unsymmetrische Entzündung einzelner Gelenke
– Fersenschmerzen oder Sehnenansatzentzündungen
– Regenbogenhautentzündung im Auge (bei 40% der Betroffenen)
– Schmerzen über dem Brustbein, Einschränkung der Brustkorbdehnung ohne erkennbare Ursache
– Eindeutige Besserung durch nicht-steroidales, entzündungshemmendes Medikament innerhalb von 48 Stunden und wiederkehrende Schmerzen nach Absetzen des Medikaments
– Entzündungsschübe
– Eine fortschreitende Versteifung und Verformung der Wirbelsäule (vor allem in den ersten 30 Jahren)

Spätstadium, Morbus Bechterew:
– Neun von zehn Patienten sind auch nach einer Krankheitsdauer von 40 Jahren nicht von fremder Hilfe abhängig
– Die entzündliche Phase der Krankheit kommt meist zur Ruhe
– Mögliche Folgen: Nicht-wiederumkehrbare Haltungsabweichungen
– Neigung der versteiften Wirbelsäule zu Osteoporose (Knochenporosität) und dadurch zu Wirbelbrüchen

Diagnose:
Heutzutage gibt es allerdings Kriterien, auf deren Basis erfahrene Rheumatologen eine zuverlässige Diagnose stellen können. Bildgebende Verfahren, wie MRT erleichtern eine Diagnose.
Außerdem wird der Finger-Boden-Abstand bei maximaler Rumpfbeugung, die Atembreite (Differenz des Brustumfangs bei Inspiration und Exspiration), der Kopf-Wand-Abstand, der Winkel, um den sich der Kopf gegenüber den Schultern noch drehen lässt, gemessen. Um die Beweglichkeit der Lendenwirbelsäule zu überprüfen, wird der Schober-Test angewandt.
Spezifische Fragebögen sollen eine Diagnose vereinfachen.

Therapie:
Morbus Bechterew ist nicht heilbar, eine Behandlung erfolgt lebenslang.
Wichtig ist eine krankheitsspezifische Patientenschulung, so dass der Betroffene lernt, welche Maßnahmen er selbst ergreifen kann, um sich zu helfen.
Das Hauptziel ist die Aufrechterhaltung der Beweglichkeit der Wirbelsäule und damit verbunden auch eine Schmerzreduktion. Dafür helfen regelmäßige Bewegungsübungen um die morgendliche Steifigkeit zu vermindern. Kontinuierliche Bewegungstherapie in speziellen Morbus-Bechterew-Therapiegruppen wird empfohlen (Bewegungsbad, Morbus-Bechterew-Gymnastik, therapeutisch ausgerichteter Bewegungssport).
Wärmeanwendungen in Form von physikalischer Therapie wird angewandt um die Steifheit und die Schmerzen zu reduzieren. Durchblutungsfördernde Maßnahmen, wie Elektrotherapie, Infrarotbestrahlung, Massage und Thermal- und Heilbäder werden ergriffen. Während ausgeprägter Entzündungsschübe ist der Einsatz von Kälte sinnvoll.
Nicht-steroide Antirheumatika (gegen rheumatische Erkrankungen wirksame Medikamente, die keine Cortison-haltige Substanzen enthalten, abgekürzt NSAR) werden empfohlen um die Entzündung zu hemmen, die Schmerzen zu lindern und die Einsteifung der Wirbelsäule zu verlangsamen. Gegen die Entzündung der Regenbogenhaut werden Glukocorticoide verabreicht. In schlimmen Fällen wird eine Radium-224-Bestrahlungstherapie empfohlen. Seit kurzem wird außerdem ein TNF-alpha-Blocker verschrieben, der das entzündungsfördernde Zytokin hemmt.
Eine operative Maßnahme wird nur äußerst selten ergriffen. Eine Operation wird nur bei sehr starker Verkrümmung der Wirbelsäule, die Nahrungsaufnahme und die Funktion innerer Organe beeinträchtigt ist oder die Haltungsabweichung zu einer Schädigung der Hüft-und Kniegelenke führt. Wie bei allen orthopädischen Operationen entscheidet die konsequent durchgeführte, physiotherapeutische Nachbehandlung mit über den Operationserfolg.

Quellen:
– „Orthopädie und Unfallchirurgie“, H. Rössler, 19. Auflage, S. 388- 391
– Vorlesungsskript und Mitschrift (Hochschule Fresenius)

Foto: Fotolia/ iceteastock

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